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Bericht von Matthias Otto "K78 - Mein erster Ultra-Berglauf"

Als ich im Mai 2010 erstmals vom Swiss-Alpine-Marathon las, war ich sofort Feuer und Flamme, dass ich mich Hals über Kopf für den K78 anmeldete. Obwohl mein Lauftraining für das Jahr 2010 eher spärlich ausgefallen ist, nutzte ich die nun verbleibenden knappen drei Monate umso intensiver, mich auf diese Herausforderung vorzubereiten.

Ich laufe seit 8 Jahren Marathon, pro Jahr etwa drei Läufe und davon zumeist über den Rennsteig, den Zittauer Gebirgslauf und auch den Jungfrau-Marathon in Interlaken. Aufgrund dieser Erfahrung sagte ich mir, den Marathon in Davos läufst die bis Bergün, über die Berge kannst du schnellen Schrittes wandern. Beim Gehen regeneriert sich die Beinmuskulatur wieder ein wenig, so dass die letzten Kilometer bis ins Ziel wieder laufend zu bewältigen sind.

Ich suchte im Internet nach Erlebnisberichten zu diesem Lauf und immer wenn ich über den Schlaf meiner drei kleinen Söhne wachte, bereitete ich mich durch das Lesen der teilweise herrlichen Berichte im geistigen Auge auf diesen Ultra-Lauf vor. Besonders erfrischend sei der Bericht von powerschnegge hier erwähnt, diesen musste ich immer wieder lesen, so dass mein Interesse und meine Vorfreude auf den Swissalpine von Tag zu Tag größer wurde.

Nebenbei lief ich auch einige Kilometer, unser Oberlausitzer Bergland lässt auch die entsprechenden Höhenmeter zu. Aber mehr als 40 Kilometer am Stück bin ich im Training nie gelaufen. Noch schnell einen Marathon in Chemnitz absolviert, den ich ohne große Mühen in meiner marathonüblichen Zeit von 4,5 Stunden gelaufen bin.
Ich fühle mich gut, und nicht zuletzt die Erweiterung des Zeitfensters auf 14 Stunden versprechen ein schönes Lauferlebnis mit Zeit für die Kulisse, ohne Angst vorm Besenmann.

Mit dem im Startpaket enthaltenen Swissticket nutze ich also auch die Möglichkeit der Anreise mit der Bahn. Eine sehr gute Entscheidung, vor allem, weil Hin- und Rückreise absolut entspannt waren. Ein Dankeschön von hier aus an die Deutsche und die Schweizer Bahnen für ihre Pünktlichkeit und ihren Service.

Größere Mühen im Vorfeld bestanden in der Quartiersuche in Davos. Beizeiten schon ließen der Tourismusverband in Davos und viele Hotels verlauten, dass alle Zimmer ausgebucht seien. Deshalb verweise ich hier noch einmal kurz auf die Möglichkeit, über einen Reiseanbieter ein freies Hotelzimmer zu finden. Ich bekam über TUI ein wunderschönes Zimmer im „Sunstar Park Hotel“ in Davos, unweit vom Bahnhof Davos-Platz sowie dem Sportzentrum. Ein Glückstreffer für mich, das Hotel kann ich sehr gern weiter empfehlen!

Ganz Davos stand im Zeichen des bevorstehenden Marathonlaufes, aber auch dem Nationalfeiertag am 01. August. Alles war bestens vorbereitet, die Startunterlagen nun zum K78 abgeholt. Leise Zweifel am Projekt meines ersten Ultra-Laufes kamen mit der imposanten Bergkulisse und der Höhenluft auf über 1560 Metern in Davos. Zwei bis drei Tage der Akklimatisierung hätten noch gut getan, aber die hatte ich nicht.

So stand ich schließlich am Samstagmorgen um kurz vor sechs Uhr inmitten vieler gleichgesinnter Laufverrückter im Sportzentrum Davos. Und ich fühlte mich doch so klein angesichts der Herausforderung, die auf mich wartete. Habe ich mir doch zu viel zugemutet?
Die Luft war noch sehr kalt, aber die Musik aus den Lautsprechern spielte das Thema der „Piraten der Karibik“, das wärmte innerlich schon auf. Schließlich ertönte noch Vangelis´“Conquest of Paradise“ bevor der Startschuss fiel – jetzt gab´s kein Zurück mehr. Es geht los!

Die ersten fünf Kilometer wurden sehr locker durch Davos gelaufen, die Anspannung fiel langsam ab. Die Stimmung unter den Läufern war prächtig, es wurde gescherzt: „Frühstück schon fertig?“ wurde der schauenden Wirtin eines Hotels zugerufen, und so ging es lustig weiter.
Selbst OK-Chef Tuffli ließ es sich nicht nehmen und applaudierte persönlich den Frühstartern. Ein Applaus, den ich bei dieser tollen Veranstaltung hier schon gern zurück geben möchte!

Dem Sonnenaufgang entgegen laufend hat sich das frühe Aufstehen schon gelohnt. Die Laufjacken konnten bald ausgezogen werden. Der azurblaue Himmel und der Wetterbericht versprachen hervorragendes Laufwetter.

Ich fühlte mich super, keine Wehwehchen, das Tempo war aufgrund des Zeitfensters sehr gemächlich. Die ersten zehn Kilometer verbrauchten über eine Stunde zehn Minuten Laufzeit – das zeigt schon auf, wie sehr die Körnchen in den Läuferbeinen geschont werden sollten für das, was noch kommen sollte. Andererseits war das Tempo so in etwa auch vorgegeben worden – Filisur sollte für uns Frühstarter nicht vor 09.30 Uhr durchlaufen werden.

Also blieb immer wieder Zeit für eine Fotopause, um die Highlights der wunderschönen Strecke für immer festzuhalten.
So konnte ich mir die Zeit für das schöne Örtli Monstein nehmen, wo in Europas höchstgelegener Brauerei ein Bier gebraut wird, dass ich zuvor in Davos für einen stolzen Preis käuflich erwarb. Mal sehen, ob der Geschmack seinem Ruf gerecht wird.
Ebenso beeindruckend lief es sich durch die Zügenschlucht mit seinem schönen steinernen Viadukt, welches es in luftigen 88 Metern Höhe auf Metallgitterplatten zu queren galt. Hoch über dem tosenden Landwasser.

Es machte wirklich Spaß inmitten dieser Natur und den immer wieder begeisterten Zuschauern und Helfern zu laufen.

So erreichte ich noch sehr entspannt nach 30 Kilometern um 09.45 Uhr Filisur, mit nur 1032 Metern über Meeresspiegel damit auch dem tiefsten Punkt dieses Marathonlaufes. Von hier an sollte es für lange Zeit nur eine Richtung geben, nämlich die Richtung bergan, Richtung Bergün!

Für die 8,6 Kilometer stetig ansteigende Asphaltstraße von Filisur nach Bergün benötigte ich 01:07 Stunden und erreichte damit 10.52 Uhr den turbulenten Ort Bergün. Hier versammelten sich die Marathonläufer des K42, welche um 11.30 Uhr an den Start gehen sollten. Noch spendeten sie hier kräftig Beifall für die Läufer des K78, aber gleich sollten sie mit frischer Kraft an uns vorbeilaufen. Es wird also eng auf den nächsten Kilometern.

Was erwartete uns nach jetzt über 40 Kilometern in den Beinen? Der Anstieg auf die Keschhütte, knappe 14 Kilometer mit etwa 1300 Höhenmetern bergauf. Was sich bis Chants noch erträglich gestaltete, sollte auf den verbleibenden 5,7 Kilometern von Chants nach der Keschhütte mit hier noch 800 Höhenmetern brutal werden. Schritt für Schritt ging es die steilen steinigen Pfade hinauf. Zur Stärkung hielt Chants noch einmal ein reichhaltiges Buffet für die Läuferschar parat. Vor allem die Brötli und Boullion stärkten den nahrungssuchenden Körper, der sonst nur Gels und Banane erhalten hat.

Es nützt nichts – Arme in die Hüften stemmen und auf´i geht´s. Es ist nicht mehr weit, die Keschhütte naht! Geschafft! Um 13.33 Uhr auf der Keschhütte.

 

Der Sprecher auf der Keschhütte ist bemüht, so viele Läufer wie möglich persönlich auf 2625 m Höhe zu begrüßen. Die Alphörner blasen auch in der ziemlich dünnen Luft noch tiefe Töne. Ein schönes Gefühl, den ersten Kulminationspunkt erreicht zu haben, aber wenig Freude, denn das war noch nicht alles!

Ich trete weiter, es geht erstmal bergab. Es geht aber immer weiter bergab, irgendwo sollten doch die Läufer des K78 dem Panoramatrail folgen. Unsicher schaue ich mich immer wieder um und entdecke weitere rote Startnummern. Also alles gut! Wir verlieren doch einiges an Höhe, aber dann teilen sich endlich das Feld der K78 und K42. Die Marathonis laufen weiter bergab in Richtung Alp Funtauna.

Der Panoramatrail wird aber kein Spaziergang. Er stellt höchste Anforderungen an die Konzentration der Läufer. Steine, querendes Fließwasser, Matsch und teilweise exponierte Stücken machen das Panorama zunichte. Es gilt, auf den Weg zu achten und außerdem auf die schnelleren Läufer des Hauptstartes um 8 Uhr. Also beiseite treten, Fairness zeigen und dafür zigfaches „Merci“ oder „Thanks“ gehört. Kein Problem, gern geschehen, ich habe Zeit.
So viel Zeit, dass ich mir hier nach über acht Stunden eine erste Pause gönne. Endlich gibt es gesalzene Fettschnitten und einen Becher Cola – Zeit für eine Brotzeit.

Dabei endlich mal ein paar Momente für das Panorama und die vorbeieilende Läuferschar. Nach kurzer Verweildauer geht’s gut weiter, aber ich spüre mittlerweile die Beinmuskulatur. Wenn ich daran denke, dass noch über 1000 Höhenmeter bergab auf mich warten, wird´s mir nicht besser. Was soll denn das Läufergewicht dann abfedern, wenn die Muskeln nicht mitspielen? Und stürzen will ich auch nicht, weil ich mich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Das alles flößt mir noch gewaltigen Respekt ein.

Eine Massage könnte gut tun. Also an der Station Tagliöl das Sanitätszelt aufgesucht – keine Kundschaft hier? Nein, heute noch nicht viel los, sagt die nette Dame und schon massiert sie kräftig meine Oberschenkel.

Als ich wieder aufstehe fühle ich keine Schmerzen mehr, die Oberschenkel wie neu geboren. Klasse! Und Merci an die gute Fee!

So geht’s locker auf den Scaletta-Pass hinauf, mittlerweile wieder vereint mit den K42´ern.
Ich habe mich auf dem Panoramatrail doch etwas vertrödelt, nach über 9,5 Stunden Laufzeit insgesamt stürzte ich mich nun vorsichtig vom Scaletta-Pass hinunter. Verdammt steil, zum schnellen Laufen hatte ich einfach keine Kraft in den Beinen. Ich bewundere alle, die sich hier waghalsig herunter katapultiert haben. Der liebe Gott hat wohl auf den einen oder anderen Läufer gut aufgepasst.

 

Ich komme auch langsam den Berg herunter und bleibe von Straucheln und Schlimmerem verschont.  Das malerische Dischma-Tal tat sich vor uns auf, ich musste immer wieder verweilen, und mir die prächtige Kulisse anschauen.

 

Jetzt kam auch die letzte Überzeugung in mir auf, diesen Lauf tatsächlich zu Ende bringen zu können. Vor allem, als ich Dürrboden erreichte und die letzten 14 Kilometer auf sanft abfallenden Wanderwegen uns das nahe Ziel in Davos verhießen.
Immer wieder kamen kurz Glücksgefühle auf, die es noch zu unterdrücken galt. Ich sagte mir, du bist noch nicht im Ziel, lauf erst mal dahin!

Aber der Gedanke an die Frau und die Kinder zu Hause, diese bald wieder gesund in die Arme schließen zu können, ließ mich mental stark werden und irgendwo fanden die Beine wieder zu Kräften, so dass ich immer mehr zu laufen begann. Ich muss hier noch erwähnen, dass meine Familie nicht wusste, dass ich die lange Distanz in Davos laufe. Es war so schon schwer genug, die Reise allein anzutreten, ich wollte die Sorgen meiner Frau nicht unnötig verstärken. Einen Marathon läuft Papa dort, das hat er doch schon öfters getan. Also bleibt unbesorgt, ich komme gesund wieder!

Und ich wollte gesund wieder kommen! Dieses Ziel und das in Davos rückten nun immer näher. Das beflügelte mich sehr.

Es kommen die letzten Kilometerschilder. Ich rechne kurz die Laufzeit durch und weiß, dass ich etwas über 12 Stunden für diesen Lauf brauchen werde. Ein Traum wird wahr!

 

Bei Kilometer 75 geht es noch einmal bergauf. Aber nicht wirklich ein Problem. Zusammen mit den Walkern laufen wir die letzten Kilometer über schattige Waldwege ins Davoser Sportzentrum.

Die Lautsprecher verheißen schon die gute Stimmung da unten. Nur irgendwie zeigt das GPS meiner Polaruhr jetzt schon über 79 Kilometer an, mit dem Zieldurchlauf werden es exakt 80 Kilometer sein, auf den Meter genau!

Es ist schön mit anzusehen, wie jetzt in Davos Läufer und Läuferinnen ihre wartenden Lieben in die Arme nehmen und sich ein Stück begleiten lassen.
Unter unzählig vielen begeisterten Davoser und Nicht-Davoser-Zuschauern werden die Läufer im Zieleinlauf begrüßt und bejubelt. Es ist geschafft! Nach 12:20 Stunden durchlaufe ich den Zielbogen und habe meinen ersten Ultra-Berglauf gesund und den Umständen entsprechend gut überstanden.

Ich bin stolz auf die letzten 12,5 Stunden und danke dem begeisterten Publikum, danke dem OK-Team für dieses tolle Event, danke innerlich meiner Familie, die meine Laufleidenschaft immer wieder ermöglicht. Ich wünschte mir, sie wären mit hier! Beim nächsten Mal!

Ich habe zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, mir nie wieder so etwas antun zu wollen. Ich habe diesen Lauf bewältigt und werde nach Davos wieder kommen. Das steht fest!
Und wer sich jetzt fragt, ob er in Davos auch laufen könnte, dem kann ich nur sagen: „Tue es!“ - Mentale Schwächen, die einen während des Marathons begleiten und auf die Psyche wirken, werden von der prächtigen Kulisse, den vielen helfenden Händen und allen sportbegeisterten Menschen am Rande des Laufes minimiert.
Ich habe mir einen Traum erfüllt und den Marathon genossen! Danke, Schweiz! Danke, Davos!

Achso, wenn einer wissen will, wie es mir körperlich die Tage nach dem Lauf ging? Hmm?!
Über 10700 verbrauchte Kilokalorien während des Laufes, drei Kilogramm netto Gewichtsverlust und am selben Abend keinen Appetit auf Essen, nicht einmal ein Bier! So habe ich das noch nie erlebt. Nach ausgiebigen Duschen habe ich mich dummerweise auf´s Hotelbett gelegt und damit auch meinen Kreislauf nieder gelegt. Rien ne vas plus! Ich wollte/ konnte nicht mehr aufstehen. Jetzt erst, etwa zwei Stunden nach dem Lauf kam das Gefühl völliger Erschöpfung.

Nun, noch zwei weitere Tage Schmerzen in den Beinen und Gehbeschwerden, aber das ist ja schon fast normal.

Heute am Tag 3 danach, schmeckt mir alles Essen und Trinken wieder, ich bin schon wieder in der Nachtschicht arbeiten und verfolge auf swissalpine.ch regelmäßig das Geschehen in der fernen Schweiz.

Und meine Frau hat mir mittlerweile auch verziehen, verstehen kann sie diesen extremen Wahnsinn aber nicht. Muss sie auch nicht, ich bin gesund geblieben und werde es wieder tun, aber dann in und mit meiner Familie!

Davos, auf Wiedersehen! Und viele Grüße aus der Oberlausitz im Osten Deutschlands!

Matthias
 

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