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Der Berg ruft… K78 2008

swissalpine K78 26. Juli 2008
von Markus Piasente

Schon letztes Jahr hatten wir unsere Ferien im Sommer so geplant, dass ich am swissalpine in Davos laufen kann. Vor Davos war noch ein Start am 100km-Lauf in Biel geplant. Dort bekam ich kurz vor dem Start einen starken Asthma-Anfall und konnte nicht starten. Somit war auch ein Start am swissalpine in Davos nicht mehr möglich. Als nächstes folgten mehrere Arztbesuche und eine Behandlung gegen das Asthma. Die Behandlung führte dazu, dass die Asthma-Anfälle innerhalb von  4 Wochen weniger wurden und dann sogar ausblieben. So konnte ich nun auch, bis auf wenige Einschränkungen, wieder im normalen Rahmen trainieren.

Am 19. Juli 2008 fuhren meine Frau und ich dann nach Davos in die Ferien. Wir gingen wie immer ausgiebig wandern und ich absolvierte mehrer Bergtrainingsläufe. Am Freitag, 25. Juli 2008 besuchten wir zuerst die Vorträge im Kongresszentrum. Anschliessend gingen wir einen Stock tiefer zu den Startnummern. Die Entscheidung war gefallen: „Ich laufe den K78 (78,5km und +/- 2320m)!“. Am Freitagabend trafen wir uns mit Marcel, der ebenfalls den K78 lief. Wir gingen zusammen Pizza essen.

Am Samstag, 26. Juli 2008 weckte uns der Wecker um 06.15 Uhr. Kurz etwas essen, fertig vorbereiten und dann ging es los Richtung Eisstadion. Dort hatten wir mit Marcel abgemacht. Langsam machte sich bei mir eine kleine Nervosität bemerkbar. „Schaffe ich es in 3h 40min nach Filisur?“ Falls ich es nicht  schaffen würde, wäre dort der Lauf zu Ende.  Zehn Minuten vor dem Start verabschiedete ich mich von Ivana und ging mit Marcel zum
Startblock.

Der Start
Um 08.00 Uhr erfolgte der Start. Zuerst lief das  gesamte Läuferfeld durch Davos. Auf dem  Trottoir standen sehr viele Zuschauer und  feuerten die Läufer an. Auch meine Frau Ivana  stand am Strassenrand und feuerte mich an.

Bei der ersten Verpflegungsstelle trennten sich  die Wege von Marcel und mir. Ich verpflegte  mich kurz und er lief direkt weiter. Nach der Verpflegung kam ein Teilstück der Strecke, das ich noch nicht kannte. Auf einem kurzen Single-Trail kam das Läuferfeld kurz ins stocken. Ich nutze die Zeit für Fotos und Kräfte sammeln für kommende Anstiege.

Nun ging es weiter über Spina und Monstein nach Schmelzboden. Das Teilstück von Monstein nach Schmelzboden war für mich auch neu. Das letzte Mal noch auf der Strasse ging es nun auf einem schmalen und teilweise steilen Single-Trail hinunter. Das Teilstück Schmelzboden-Station Wiesen erwanderte ich vorgängig schon mit meiner Frau. Bei der Verpflegungsstelle beim Bahnhof Wiesen, war ich jetzt schon 25km gelaufen. Ich ass und
trank etwas und lief gleich weiter. Im Aufstieg nach dem Wiesner Viadukt machte sich mein Magen bemerkbar. Wie sich dann später herausstellte, vertrug ich die Balisto Riegel nicht.

Nun ging es auf teils schmalen Wegen mal  etwas aufwärts und dann dafür umso steiler  wieder abwärts Richtung Filisur. Für das erste  Drittel nach Filisur benötigte ich 3h 10min. Meine grösste Angst, hier aufhören zu müssen, war verflogen. Ich hatte nun mehr als genügend Zeit (maximal 5h 20min) um auf die Keschhütte zu laufen. Nach Filisur folgte ein kurzes Stück wo es abwärts ging, doch dann ging es immer mehr aufwärts. Gleich hinter der Verpflegungsstelle Bellaluna ging es dann einfach nur noch aufwärts. Das einzige was  änderte war der Untergrund und die Steilheit. Kurz vor Bergün dann der Wechsel vom schmalen Bergweg auf die breite, asphaltierte  Strasse. Jedes Mal wenn ich diese Strasse heraufkomme, schaue ich über die Mauer in die tiefe Schlucht.

Aufstieg nach Bergün
Am Verpflegungsposten in Bergün gönnte ich mir wieder eine kleine Pause. Die Strassen  durch Bergün waren mit Zuschauern gesäumt.  Wir Läufer wurden angefeuert und man  vergass für kurze Zeit, dass es eigentlich schon wieder aufwärts ging. Nach Bergün liefen wir zuerst auf einer asphaltierten Strasse aus dem Dorf heraus. Dann wechselten sich  asphaltierte Strasse und Schotterstrasse ab.  Schatten wurde immer seltener. Immer wieder kamen mir Wanderer und Biker entgegen, die  vermutlich schon dort waren wo ich noch  hinwollte: zur Keschhütte. Dann war ich in  Chants. Hier trank und ass ich mich wieder  durch das Sortiment, d.h.: je 1 Becher „Long Energy“, „Iso Tea“ und Bouillon. Dazu 2 Stücke „Alpin Brötli“ und 1 Stück Banane.

Kurze Zeit später dann der letzte Verpflegungsposten vor  der Waldgrenze. Ich war noch nicht sehr weit gegangen, sah ich einen Läufer neben dem  Weg auf einem Stein sitzen. Es war Jochen  den ich aus Basel kenne. Ich blieb  stehen und  erkundigte mich nach seinem Befinden. Er sagte mir, dass er noch den letzten Wettkampf spüre und vermutlich nach Chants retour gehen würde. Ich wünschte ihm alles Gute und reihte mich wieder in die  Läuferschlange ein.

Es dauerte keine 5 Minuten und ich schaute erneut in ein mir bekanntes Gesicht. Fernand, ihn kannte ich ebenfalls aus Basel, kam mir entgegen. Er sah sehr schlecht aus. Sein Kreislauf spielte verrückt und er sei gestürzt. Unter diesen Umständen wollte er nicht weiterlaufen. Er machte sich ebenfalls auf den Rückweg nach Chants.

Der Aufstieg nach dem Verpflegungsposten Valzana Nachdem ich mich von Fernand verabschiedet  hatte, ging es für mich weiter Richtung  Keschhütte hinauf. Meinen Lauf-Rhythmus  habe ich sehr schnell wieder gefunden. Irgendwann verschwanden auch die letzten Bäume und Büsche. Es wurde wieder etwas  flacher und ich ging etwas schneller über grüne Alpwiesen. Der weiche Untergrund war eine Wohltat für die Gelenke. Zum guten Glück war es etwas bewölkt und die Sonne brannte nicht so gnadenlos vom Himmel herunter.

Von hier hatte man einen wunderschönen Ausblick und natürlich sah man auch, wo man noch hinlaufen durfte. Die nächste kurze Pause machte ich dann am Verpflegungsposten Tschüvel. Langsam kam etwas kühler Wind auf und ich zog mein Laufgilet an. Dazu  musste ich meinen Becher mit Iso-Tea auf den  Boden stellen. Das ging ja noch problemlos. Um ihn wieder aufzuheben, musste ich mich dann wieder etwas bücken. Ganz ehrlich, am Morgen ging das einfacher. Irgendwie hatte ich das Gefühl, die Beine seien jetzt etwas weiter unten.

Blick Richtung Keschhütte
Das Teilstück von Tschüvel zur Keschhütte war auch dieses Jahr wieder sehr eindrücklich.  Von den grünen Alpwiesen wechselte man in eine Steinwüste. Inmitten dieser Steinwüste floss ein Gebirgsbach ins Tal. In unmittelbarer  Nähe des Baches war es richtig kühl. Dann plötzlich sah ich sie! Die Keschhütte! Seit dem Start um 8 Uhr wartete ich auf diesen Augenblick. Nun war es nicht mehr weit, bis ich den höchsten Punkt des diesjährigen K78
erreichte. Nach 6h 38min war ich auf der Keschhütte.

Die Keschhütte
Auf der Keschhütte genoss ich die wunderbare Aussicht. Auch hier oben war die Auswahl an Verpflegung gross und es hatte genug für alle. Natürlich ass und trank ich mich wieder durch das ganze Sortiment. Nun folgte der Panoramatrail. Ein teilweise sehr schmaler und exponierter Weg. Schwindelfrei sollte man hier schon sein. Aber viel Zeit um die Aussicht zu geniessen blieb mir nicht. Ich war in einer 5er Gruppe gelandet, die zügig lief.

Der Panoramatrail
Gegen Ende des Panoramatrails wurde der schmale Weg zu einem kleinen Bergbach. Alle paar Meter floss ein neues Bächlein über den Weg. Teilweise gingen wir nicht auf einem Weg, sondern über grössere Felsbrocken. Hier ausrutschen hätte schlimme Folgen gehabt.

Auf den letzten paar hundert Metern vor dem Scalettapass führte der Weg über mehrere  Schneefelder. Das Läuferfeld wurde jetzt wieder etwas grösser, da auch die K42 Läuferinnen und Läufer, welche über die Alp Funtauna laufen mussten, auf der gleichen  Strecke weiterliefen wie wir vom K78. Auf dem Scalettapass dann das obligatorische,  kurze Gespräch und Hände schütteln mit dem Rennarzt. Hat er das Gefühl, es stimmt etwas nicht mit dir, nimmt er dich aus dem Rennen.

Jupi! Auch dieses Mal habe ich den Test bestanden Hier ging ein saumässig kalter Wind  und man konnte nur in unmittelbarer Nähe des Zeltes stehen ohne zu frieren. Ich machte nur eine kleine Pause und lief dann sofort weiter.

Das Abwärtslaufen ging erstaunlich gut. Langsam wurde es wieder grüner um mich herum und Dürrboden kam immer näher. Doch dann bin ich einen kurzen Moment nicht konzentriert gelaufen. Ich stolperte über einen Stein und verlor das Gleichgewicht. Schon streifte ich beinahe mit der Nase an einem Busch. Mit sehr viel Glück erwischte ich dann die letzte Erhebung am Wegrand und konnte mich wieder stabilisieren. Sofort verringerte ich die Laufgeschwindigkeit. Von jetzt an lief ich lieber etwas langsamer, dafür kam ich heil ins Ziel.

In Dürrboden sendete ich dann meiner Frau eine SMS. Es waren jetzt nur noch 13km bis ins Ziel. Dieses Teilstück war ich vorgängig schon gelaufen. Langsam machte sich mein Trainingsrückstand bemerkbar. Dann kam die „70km-Tafel“. Ich stiess einen Freudenschrei aus. Die nächsten 5km kamen mir wie eine  Ewigkeit vor. Dann sah ich sie. Die „75km-  Tafel“. Jetzt wusste ich, dass das Leiden bald ein Ende nehmen wird. Bei der letzten Verpflegungsstelle in Duchlisage, kurz vor dem Ziel nahm ich im Vorbeigehen einen Becher Cola. Diesen trank ich dann gemütlich imkleinen Aufstieg am Golfplatz vorbei.

Das letzte Teilstück im Wald versuchte ich dann durchzulaufen, doch die für mich neue Steigung setzte diesem Plan ein jähes Ende. Ich musste wieder gehen. Doch was soll’s, ich hörte ja schon die Zuschauer im Eisstadion applaudieren. Bald werden sie das auch für mich machen. Endlich bog der Weg aus dem Wald auf die Strasse. Dann über die Brücke und hoch zur Talstrasse. Jetzt sah ich schon das geöffnete Tor ins Stadion.

Ich streifte mir das schwarze Laufgilet ab und  stopfte es ins Laufcap. Als ich ins Stadion  einlief, bekam ich am ganzen Körper Gänsehaut. Fast verpasste ich den Einlauf- Kanal für die K78-Läufer. Nach 10h 21min lief ich über die  Ziellinie. Als erstes musste ich den Zeitmess-Chip abgeben. Dann bekam ich das gelbe Finisher-Shirt und die Medaille.

Direkt beim Ausgang wartete meine Frau auf mich. Jetzt wusste ich, dass ich wirklich im Ziel war. Sie nahm mir das Laufcap und das Finisher-Shirt ab. Ich sagte ihr, dass ich mich bewegen muss und wir gingen zusammen auf das Fussballfeld. Da weder Marcel, Fernand oder Jochen im Zielbereich waren, machten wir uns auf den Heimweg.

Für den Weg vom Stadion nach Hause benötigten wir normalerweise ca. 30min. Jetzt dauerte es um einiges länger. Die ersten Körperstellen begannen zu schmerzen. Vor allem die Unterseite des linken Fusses. Dort hatte ich schon länger ein Brennen verspürt und ein Blase vermutet.

Ein glücklicher „K78 - Finisher“
Zu Hause dann zuerst hinsetzen und Schuhe ausziehen. Die schmerzende Stelle am linken Fuss war doch keine Blase. Eine Naht in der Socke hatte eine Druckstelle verursacht. Die nächsten 3-4 Tage schmerzte es mal hier und mal da. Erstaunlicherweise hatte ich während und nach dem Lauf keine Schmerzen in den Fussgelenken und Knien. Dies vermutlich wegen des neuen Trail-Running-Schuhs (XT Wings von Salomon).

Herzlichen Dank an meine Frau für die tolle Unterstützung vor-, während- und nach dem Lauf.

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